Wer bin ich ohne …

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Es gibt Menschen, die noch Jahre später unwillkürlich zum Telefon greifen, wenn etwas Bemerkenswertes passiert ist, weil sie es einer bestimmten Person erzählen möchten. Erst während der Bewegung, vielleicht schon beim Entsperren des Bildschirms, erinnern sie sich daran, dass diese Person nicht mehr da ist. Manchmal ist sie gestorben. Manchmal hat sie die Beziehung beendet. Manchmal hat sich die Verbindung über Jahre hinweg lautlos aufgelöst. Der Impuls bleibt dennoch bestehen, als hätte ein Teil des eigenen Lebens die Nachricht vom Verlust noch nicht vollständig erhalten.

Solche Momente wirken auf den ersten Blick unspektakulär. Sie enthalten keine großen Dramen und keine sichtbaren Zusammenbrüche. Und doch verweisen sie auf etwas, das tiefer reicht als die Trauer um einen Menschen oder den Schmerz eines Endes. Sie berühren die Frage, was eigentlich geschieht, wenn etwas verschwindet, das über lange Zeit hinweg nicht nur Teil unseres Lebens war, sondern Teil unserer Identität.

Vielleicht unterschätzen wir oft, wie stark unser Selbstbild an Dinge gebunden ist, die uns selbstverständlich erscheinen. An Beziehungen. An Fähigkeiten. An Rollen. An Gewohnheiten. An Orte. An körperliche Möglichkeiten. An Tätigkeiten, die wir so lange ausgeübt haben, dass wir kaum noch zwischen dem unterscheiden konnten, was wir tun, und dem, was wir sind.

Solange diese Dinge vorhanden sind, fällt ihre identitätsstiftende Wirkung kaum auf. Niemand denkt jeden Morgen bewusst darüber nach, wer er ohne seinen Beruf wäre, solange er diesen Beruf noch ausübt. Niemand fragt sich, wer er ohne seinen Partner wäre, solange die Beziehung besteht. Niemand beschäftigt sich ernsthaft mit der Frage, wer er ohne seine Gesundheit wäre, solange der Körper zuverlässig funktioniert. Die meisten dieser Bestandteile des Selbst sind so eng mit dem Alltag verwoben, dass sie unsichtbar werden.

Erst wenn etwas davon wegfällt, wird sichtbar, wie viel von unserem inneren Gebäude auf diesem Fundament errichtet wurde.

Dabei geht es nicht nur um Verluste im klassischen Sinn. Natürlich können Tod, Trennung oder Krankheit solche Prozesse auslösen. Aber manchmal genügt auch eine Veränderung, die von außen betrachtet vergleichsweise harmlos erscheint. Ein Musiker verliert die Fähigkeit, sein Instrument auf dem bisherigen Niveau zu spielen. Eine Sportlerin kann nach einer Verletzung nicht mehr trainieren wie früher. Jemand geht in den Ruhestand und stellt fest, dass die berufliche Rolle einen größeren Teil seiner Identität getragen hat, als ihm bewusst war. Eine Mutter erlebt, wie die Kinder das Haus verlassen, und merkt, dass mit dem Ende einer Lebensphase nicht nur Aufgaben verschwinden, sondern auch ein vertrautes Verständnis davon, wer sie ist.

Vielleicht besteht eine der merkwürdigsten Eigenschaften menschlicher Identität darin, dass sie sich häufig erst dann zeigt, wenn sie ins Wanken gerät.

Solange die innere Ordnung funktioniert, erleben wir sie als selbstverständlich. Erst wenn etwas aus dieser Ordnung herausbricht, bemerken wir ihre Existenz. In diesem Sinn ähnelt Identität vielleicht einem Uhrwerk, dessen Zahnräder normalerweise geräuschlos ineinandergreifen. Erst wenn eines davon fehlt, wird das System hörbar.

Viele Menschen berichten nach schweren Krisen von einem Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Sie sagen nicht nur, dass ihr Leben anders geworden sei. Sie sagen auch nicht nur, dass sie etwas verloren hätten. Sie sprechen davon, dass sie sich selbst fremd geworden seien.

Diese Fremdheit kann verschiedene Formen annehmen.

Manchmal blickt jemand auf frühere Fotos und erkennt die Person darauf zwar wieder, spürt aber gleichzeitig eine irritierende Distanz. Man weiß, dass man diese Person einmal war, und doch entsteht das Gefühl, als würde man auf das Leben eines anderen Menschen schauen.

Manchmal zeigt sich die Fremdheit in alltäglichen Situationen. Menschen stellen fest, dass sie anders reagieren als früher, andere Interessen entwickelt haben, andere Prioritäten setzen oder bestimmte Dinge nicht mehr wichtig finden, die einst einen großen Raum eingenommen haben. Nicht immer fühlt sich diese Veränderung wie Entwicklung an. Oft fühlt sie sich zunächst wie Verlust an.

Denn wenn etwas Wesentliches wegfällt, verschwindet nicht nur ein Teil des bisherigen Lebens. Häufig verschwindet auch die Landkarte, mit deren Hilfe dieses Leben verstanden wurde.

Vielleicht liegt hier eine Erfahrung, über die vergleichsweise selten gesprochen wird. Wenn Menschen von Verlusten erzählen, richtet sich die Aufmerksamkeit oft auf das Verlorene selbst. Auf die verstorbene Person. Auf die Krankheit. Auf die Trennung. Auf das Ende einer Karriere.

Weniger Aufmerksamkeit erhält die Tatsache, dass mit dem Verlust häufig auch ein bestimmtes Selbstbild verschwindet.

Wer bin ich ohne meinen Beruf?

Wer bin ich ohne diese Beziehung?

Wer bin ich ohne die körperlichen Fähigkeiten, auf die ich mich verlassen habe?

Wer bin ich ohne die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte?

Solche Fragen wirken zunächst einfach, entwickeln jedoch eine eigentümliche Tiefe, sobald man versucht, sie ernsthaft zu beantworten.

Denn vieles von dem, was wir Identität nennen, entsteht nicht allein aus inneren Eigenschaften. Es entsteht auch aus Beziehungen, Tätigkeiten, Geschichten und Erwartungen. Menschen definieren sich nicht nur durch Charakterzüge, sondern auch durch Zugehörigkeiten. Durch Rollen. Durch Aufgaben. Durch Menschen, die sie lieben. Durch Menschen, die sie brauchen. Durch Orte, an denen sie sich selbstverständlich fühlen.

Wenn diese Bezugspunkte verschwinden, wird sichtbar, wie sehr das Selbst immer auch etwas Relationales war.

Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass hinter all diesen Rollen ein unveränderlicher Kern wartet, der nun endlich freigelegt wird. Die Vorstellung eines vollkommen stabilen, zeitlosen Selbst besitzt zwar einen gewissen Trost, doch die Wirklichkeit scheint oft komplizierter zu sein.

Vielleicht gibt es Menschen, die nach einer schweren Krise tatsächlich zu dem zurückfinden, was sie früher waren. Viele andere berichten jedoch von etwas anderem. Nicht von Rückkehr, sondern von Neuorganisation.

Die Person vor der Krise existiert weiterhin als Erinnerung, als Biografie, als Vorgeschichte. Aber sie bildet nicht mehr die Gegenwart.

Man könnte sagen, dass das Leben manchmal nicht nur Kapitel hinzufügt, sondern die Bedeutung früherer Kapitel verändert.

Ein Verlust verändert nicht allein die Zukunft. Er verändert rückwirkend auch die Art, wie Menschen ihre Vergangenheit betrachten.

Plötzlich erscheinen frühere Selbstverständlichkeiten fragil. Frühere Überzeugungen wirken naiv oder fremd. Frühere Ziele verlieren ihre Anziehungskraft. Gleichzeitig entstehen neue Fragen, die früher nie gestellt wurden.

Nicht jeder empfindet diese Entwicklung als Bereicherung. Und vielleicht wäre es auch unangemessen, sie automatisch so zu deuten.

In vielen kulturellen Erzählungen erscheint Veränderung als etwas Positives. Wachstum gilt als Fortschritt. Entwicklung gilt als Verbesserung. Krisen werden zu Wendepunkten erklärt, aus denen Menschen gestärkt hervorgehen.

Doch die Wirklichkeit vieler Biografien wirkt widersprüchlicher.

Manche Menschen werden durch schwere Erfahrungen vorsichtiger. Andere misstrauischer. Manche verlieren eine Form von Unbeschwertheit, die nicht zurückkehrt. Manche entdecken neue Fähigkeiten. Andere verlieren Interessen, die sie einst geliebt haben. Manche gewinnen Tiefe und verlieren Leichtigkeit. Andere gewinnen Klarheit und verlieren Sicherheit.

Warum sollte man all diese Veränderungen ausschließlich als Gewinn oder ausschließlich als Verlust beschreiben?

Vielleicht gehören beide Perspektiven zur Wahrheit.

Vielleicht liegt eine Schwierigkeit darin, dass wir Veränderungen oft bewerten wollen, während sie sich noch vollziehen. Wir möchten wissen, ob sie gut oder schlecht sind, ob sie uns stärker oder schwächer machen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Doch manche Entwicklungen lassen sich erst Jahre später einordnen. Und manche vielleicht nie.

Es könnte sein, dass die Frage „Wer bin ich ohne …?“ deshalb so schwer zu beantworten ist, weil sie auf etwas verweist, das nie vollständig abgeschlossen wird.

Identität ist möglicherweise weniger ein Besitz als ein fortlaufender Prozess der Organisation. Menschen erzählen sich Geschichten darüber, wer sie sind. Sie ordnen Erfahrungen ein. Sie schaffen Zusammenhänge. Sie entwickeln Erklärungen für das eigene Leben.

Doch immer wieder geschieht etwas, das diese Erzählungen unterbricht.

Dann beginnt die Arbeit nicht nur des Weiterlebens, sondern auch des Neuverstehens.

Vielleicht sitzt deshalb mancher Mensch Jahre nach einer Krise noch immer gelegentlich vor einer Erinnerung, einem Foto oder einer vertrauten Tätigkeit und fragt sich nicht nur, was verloren ging, sondern auch, wer eigentlich verloren ging.

Und vielleicht lässt sich diese Frage nicht vollständig beantworten.

Vielleicht bleibt ein Teil der Person, die man einmal war, für immer erhalten.

Vielleicht bleibt ein anderer Teil unwiederbringlich verschwunden.

Und vielleicht besteht ein großer Teil des späteren Lebens darin, mit beiden Möglichkeiten gleichzeitig zu leben.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit den Landschaften, die entstehen, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Nach vielen Jahren in IT, Projektmanagement, technischer Kommunikation und einem Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie kartiert sie Brüche, Übergänge und Neuorientierungen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem besseren Verständnis der Landschaft.

Wo einfache Antworten enden, beginnen die Fragen

Gedanken über Krisen, Veränderung und das Leben dazwischen

Es gibt Erfahrungen, nach denen das Leben äußerlich weitergeht, während innerlich etwas grundlegend anders geworden ist.

Eine schwere Erkrankung. Der Verlust eines nahestehenden Menschen. Das Ende einer Beziehung. Eine traumatische Erfahrung. Das Scheitern eines Lebensentwurfs. Oder einfach die langsame Erkenntnis, dass man nicht mehr die Person ist, die man einmal war.

Über solche Erfahrungen wird häufig in zwei Sprachen gesprochen. Entweder als Katastrophe, die möglichst schnell überwunden werden soll, oder als Entwicklungsgeschichte, die am Ende zu Wachstum, Stärke oder neuer Lebensfreude führt.

Die Wirklichkeit vieler Menschen ist oft komplizierter.

Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden schließen sich nie vollständig. Und nicht jede Veränderung fühlt sich wie Entwicklung an, selbst wenn sie rückblickend eine Form von Entwicklung gewesen sein mag.

WahrhaftigNeugierig ist ein Ort für Gedanken über diese Zwischenräume.

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