Leere und Resonanz – zwei unterschiedliche Blicke auf dieselbe Krise?

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Es gibt Momente, in denen Menschen sagen, sie hätten den ganzen Tag mit anderen gesprochen und seien dennoch niemandem begegnet. Sie haben gearbeitet, Nachrichten beantwortet, Einkäufe erledigt, vielleicht sogar gelacht. Von außen betrachtet wirkt nichts außergewöhnlich. Und doch bleibt am Ende des Tages der Eindruck, dass nichts sie wirklich erreicht hat. Als hätten alle Begegnungen nur an der Oberfläche stattgefunden. Andere beschreiben etwas Ähnliches, aber mit einer anderen Sprache. Sie sagen nicht, dass die Welt stumm geworden sei. Sie sagen: In mir ist nichts mehr. Nicht Trauer. Nicht Wut. Nicht einmal Verzweiflung. Nur eine eigentümliche Leere, die sich kaum beschreiben lässt, weil sie gerade durch das Fehlen von etwas gekennzeichnet ist.

Beide Beschreibungen scheinen zunächst dasselbe zu meinen. In beiden Fällen fehlt etwas Wesentliches. In beiden Fällen ist die Beziehung zwischen Mensch und Welt beschädigt. Und doch handelt es sich nicht um dieselbe Erfahrung. Gerade dieser Unterschied macht den Vergleich zwischen dem Leere-Begriff von Udo Baer und dem Resonanzbegriff von Hartmut Rosa interessant. Nicht, weil einer von beiden die bessere Erklärung liefern würde, sondern weil sie unterschiedliche Ebenen derselben menschlichen Wirklichkeit betrachten.

Krisen beginnen selten mit großen Katastrophen. Häufig beginnen sie mit kleinen Verschiebungen. Ein Mensch merkt, dass Gespräche an ihm vorbeiziehen. Musik, die ihn früher berührte, klingt plötzlich wie Hintergrundgeräusch. Orte, die einmal Vertrautheit ausstrahlten, wirken fremd. Nicht unbedingt feindlich. Nur gleichgültig. Die Welt antwortet nicht mehr.

Hartmut Rosa beschreibt genau dieses Phänomen mit seinem Begriff der Resonanz. Für ihn leben Menschen nicht allein davon, Bedürfnisse zu befriedigen oder Probleme zu lösen. Sie leben davon, dass zwischen ihnen und ihrer Welt etwas geschieht, das sich weder planen noch erzwingen lässt. Resonanz meint eine Form gegenseitiger Berührbarkeit. Man wird von etwas angesprochen – einer Landschaft, einem Menschen, einer Aufgabe, einem Kunstwerk – und antwortet darauf. Gleichzeitig verändert einen diese Begegnung. Resonanz ist kein Wohlgefühl. Sie schließt Irritation, Konflikt und Schmerz durchaus ein. Entscheidend ist, dass überhaupt eine Antwort entsteht.

Fehlt diese Antwort dauerhaft, entsteht das, was Rosa als Entfremdung beschreibt. Die Welt wird stumm. Menschen funktionieren weiter, aber sie erleben immer weniger Augenblicke, in denen sie sich als Teil einer lebendigen Beziehung zur Welt erfahren.

Es wäre verführerisch, an dieser Stelle zu sagen: Genau das ist Leere.

Doch Udo Baer würde wahrscheinlich widersprechen.

Denn die Leere, die Baer beschreibt, beginnt nicht bei der Welt. Sie beginnt im Inneren des Menschen. Vor allem aber beginnt sie nicht als philosophisches Problem, sondern als Folge konkreter Erfahrungen. Erfahrungen, in denen Menschen über lange Zeit nicht gesehen wurden. Nicht gehört. Nicht geschützt. Nicht ernst genommen. Erfahrungen, in denen Gefühle zu gefährlich wurden, weil niemand da war, der sie hätte aufnehmen können.

Baer versteht Leere deshalb nicht als Mangel, sondern als Ergebnis einer psychischen Leistung. Die Leere ist nicht einfach da. Sie wurde hervorgebracht. Sie entstand, weil etwas anderes nicht mehr auszuhalten war.

Dieser Gedanke verändert den Blick erheblich.

Wenn jemand sagt: „Ich fühle nichts mehr“, liegt die naheliegende Vermutung darin, dass tatsächlich nichts mehr vorhanden sei. Baer schlägt eine andere Lesart vor. Vielleicht ist nicht nichts da. Vielleicht ist nur der Zugang verschlossen. Vielleicht ist die Leere kein leerer Raum, sondern ein Schutzraum.

Das wirkt zunächst paradox. Wie kann Leere Schutz sein?

Vielleicht hilft ein Bild. Nach einem Brand wirkt ein Haus verlassen. Türen und Fenster sind verschlossen, die Räume leer. Wer vorbeigeht, sieht Abwesenheit. Doch diese Verschlossenheit ist nicht das eigentliche Ereignis. Sie ist die Folge dessen, was vorher geschah. Die verriegelten Türen erzählen von einem Feuer, nicht von der Architektur.

Ähnlich versteht Baer die Leere. Sie erzählt weniger davon, was fehlt, als davon, was einmal zu viel war.

Hier beginnt sich die Perspektive auf Krisen zu verändern.

Denn Krisen werden häufig als Ereignisse verstanden. Eine Diagnose. Eine Trennung. Ein Todesfall. Ein Arbeitsplatzverlust. Doch viele Krisen bestehen weniger aus dem Ereignis selbst als aus den Veränderungen der Beziehung zwischen Mensch und Welt.

Manche Menschen erleben nach einem schweren Verlust, dass dieselbe Straße plötzlich anders aussieht. Dass Gespräche sich künstlich anfühlen. Dass selbst vertraute Orte ihre Vertrautheit verlieren. Die Welt ist objektiv dieselbe geblieben. Subjektiv hat sie ihre Antwort verloren.

Rosas Resonanztheorie beschreibt diesen Vorgang präzise. Die Welt spricht nicht mehr.

Baers Leere verweist dagegen auf eine andere Möglichkeit. Vielleicht spricht die Welt durchaus. Vielleicht erreicht ihre Stimme den Menschen aber nicht mehr.

Dieser Unterschied erscheint klein. Tatsächlich verändert er den gesamten Blick auf seelische Krisen.

Nimmt man ausschließlich Rosas Perspektive ein, könnte man vermuten, die entscheidende Aufgabe bestehe darin, neue Resonanzräume zu eröffnen. Mehr Beziehungen. Mehr Natur. Mehr Kunst. Mehr Berührung mit der Welt.

Viele Menschen erleben tatsächlich solche Momente. Ein Musikstück trifft sie unerwartet. Ein Gespräch öffnet einen Gedanken, den sie längst verloren glaubten. Ein Sonnenaufgang löst für einen Augenblick etwas in ihnen aus.

Doch ebenso gibt es Menschen, bei denen all das geschieht, ohne dass etwas geschieht.

Sie hören dieselbe Musik.

Sie sehen dieselbe Landschaft.

Sie begegnen denselben Menschen.

Und dennoch bleibt alles merkwürdig weit entfernt.

Baers Leere erklärt, warum das möglich ist.

Nicht weil Resonanz unwichtig wäre. Sondern weil Resonanz auf etwas treffen muss, das antworten kann. Wenn psychische Schutzmechanismen über Jahre gelernt haben, Berührung zu vermeiden, reicht das bloße Vorhandensein von Resonanzangeboten nicht aus.

Hier zeigt sich zugleich eine Grenze von Rosas Theorie.

Sie beschreibt eindrucksvoll die gesellschaftlichen Bedingungen gelingender Weltbeziehungen. Sie erklärt, warum Beschleunigung, Leistungsorientierung und Verfügbarkeit Resonanz erschweren. Weniger deutlich beantwortet sie jedoch die Frage, warum zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben.

Warum fühlt sich der eine durch ein Gespräch gesehen, während der andere nur Worte hört?

Warum erlebt die eine Person Trost, wo die andere nichts empfindet?

Diese Unterschiede lassen sich nicht allein gesellschaftlich erklären.

Baers Ansatz ergänzt deshalb eine biografische Tiefendimension. Die Fähigkeit, Resonanz wahrzunehmen, entwickelt sich nicht unabhängig von früheren Erfahrungen. Wer gelernt hat, dass Beziehungen verletzen, entwickelt möglicherweise nicht nur Misstrauen gegenüber anderen Menschen, sondern auch gegenüber den eigenen Gefühlen. Resonanz wird dann nicht lediglich selten. Sie wird schwer zugänglich.

Umgekehrt besitzt auch Baers Ansatz Grenzen.

Wer Leere ausschließlich als Folge früher Verletzungen versteht, riskiert, gesellschaftliche Bedingungen zu unterschätzen. Nicht jede Erfahrung innerer Leere verweist auf traumatische Kindheitserfahrungen. Moderne Lebenswelten produzieren selbst Formen der Resonanzlosigkeit. Digitale Kommunikation kann Nähe simulieren, ohne Berührung zu erzeugen. Arbeit kann effizient organisiert sein und dennoch jede persönliche Bedeutsamkeit verlieren. Menschen können von Informationen umgeben sein und gleichzeitig das Gefühl entwickeln, von nichts mehr wirklich angesprochen zu werden.

Vielleicht entstehen deshalb heute beide Phänomene oft gleichzeitig.

Die Welt antwortet immer seltener.

Und manche Menschen verlieren zugleich die Fähigkeit, ihre Antworten überhaupt noch wahrzunehmen.

In Krisen lässt sich oft kaum noch unterscheiden, was Ursache und was Folge ist.

Hat der Mensch sich von der Welt entfernt?

Oder hat sich die Welt von ihm entfernt?

Hat die Leere Resonanz unmöglich gemacht?

Oder hat dauerhafte Resonanzlosigkeit die Leere hervorgebracht?

Vielleicht lassen sich diese Fragen gar nicht sauber trennen.

Es gibt eine weit verbreitete Erzählung über Krisen. Sie lautet ungefähr so: Ein Mensch gerät in eine schwere Zeit, setzt sich mit sich selbst auseinander, findet neue Einsichten und kehrt verändert, aber gestärkt zurück.

Diese Erzählung besitzt eine gewisse Attraktivität. Sie ordnet das Chaos. Sie verleiht dem Leiden eine Richtung.

Sowohl Rosa als auch Baer stellen diese Vorstellung auf unterschiedliche Weise infrage.

Rosa weist darauf hin, dass Resonanz unverfügbar ist. Sie lässt sich nicht herstellen wie ein Projekt. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird. Erzwingen lässt sie sich nicht.

Baer geht noch einen Schritt weiter. Seine Leere verschwindet nicht deshalb, weil jemand ihre Existenz verstanden hat. Sie besitzt ihre eigene Zeitlichkeit. Manchmal bleibt sie über Jahre bestehen. Nicht weil Menschen sich zu wenig bemühen, sondern weil psychische Schutzmechanismen nicht denselben Gesetzen folgen wie rationale Einsichten.

Vielleicht besteht gerade darin eine der unbequemsten Einsichten beider Ansätze.

Nicht alles, was Menschen verstehen, verändert sich dadurch.

Nicht jede Krise besitzt einen Wendepunkt.

Nicht jede Verletzung verwandelt sich später in eine Ressource.

Manche Erfahrungen verändern dauerhaft die Weise, wie Menschen mit der Welt verbunden sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ihr Leben endet. Es bedeutet nur, dass es sich unter anderen Voraussetzungen fortsetzt.

Vielleicht liegt genau hier eine gemeinsame Stärke beider Konzepte.

Sie verzichten darauf, den Menschen auf seine Symptome zu reduzieren.

Rosa beschreibt ihn nicht als defektes Individuum, sondern als Beziehungswesen.

Baer beschreibt ihn nicht als beschädigte Psyche, sondern als jemanden, dessen innere Welt eine Geschichte besitzt.

Beide Perspektiven verschieben den Blick weg von der Frage: Was stimmt mit diesem Menschen nicht?

Stattdessen fragen sie: Welche Beziehungen haben diese Erfahrung hervorgebracht? Und ebenso: Welche Beziehungen sind dadurch verändert worden?

Diese Fragen wirken weniger spektakulär als viele psychologische Erklärungen. Sie liefern keine schnellen Antworten. Vielleicht gerade deshalb bleiben sie länger im Gedächtnis.

Denn am Ende geht es weder nur um Resonanz noch nur um Leere.

Es geht um die merkwürdige Tatsache, dass Menschen in Beziehungen leben – und dass genau diese Beziehungen sowohl die tiefsten Verletzungen als auch die wenigen Augenblicke hervorbringen können, in denen Welt und Mensch sich tatsächlich begegnen.

Was aus solchen Begegnungen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Manchmal verändern sie einen Menschen. Manchmal bleiben sie folgenlos. Manchmal kommen sie zu spät. Und manchmal geschieht etwas noch Schwierigeres: Ein Mensch spürt für einen Augenblick, dass Resonanz möglich wäre, während die Leere dennoch bleibt.

Vielleicht besteht die Ehrlichkeit im Umgang mit Krisen gerade darin, diesen Widerspruch nicht vorschnell aufzulösen. Nicht jede Leere verschwindet. Nicht jede stumme Welt beginnt wieder zu sprechen. Aber beide Begriffe erinnern daran, dass menschliches Leben weder ausschließlich im Inneren noch ausschließlich in der Welt stattfindet. Es entsteht in ihrem Verhältnis zueinander – und dieses Verhältnis bleibt verletzlich, unabgeschlossen und oft rätselhaft.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit den Landschaften, die entstehen, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Nach vielen Jahren in IT, Projektmanagement, technischer Kommunikation und einem Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie kartiert sie Brüche, Übergänge und Neuorientierungen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem besseren Verständnis der Landschaft.

Wo einfache Antworten enden, beginnen die Fragen

Gedanken über Krisen, Veränderung und das Leben dazwischen

Es gibt Erfahrungen, nach denen das Leben äußerlich weitergeht, während innerlich etwas grundlegend anders geworden ist.

Eine schwere Erkrankung. Der Verlust eines nahestehenden Menschen. Das Ende einer Beziehung. Eine traumatische Erfahrung. Das Scheitern eines Lebensentwurfs. Oder einfach die langsame Erkenntnis, dass man nicht mehr die Person ist, die man einmal war.

Über solche Erfahrungen wird häufig in zwei Sprachen gesprochen. Entweder als Katastrophe, die möglichst schnell überwunden werden soll, oder als Entwicklungsgeschichte, die am Ende zu Wachstum, Stärke oder neuer Lebensfreude führt.

Die Wirklichkeit vieler Menschen ist oft komplizierter.

Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden schließen sich nie vollständig. Und nicht jede Veränderung fühlt sich wie Entwicklung an, selbst wenn sie rückblickend eine Form von Entwicklung gewesen sein mag.

WahrhaftigNeugierig ist ein Ort für Gedanken über diese Zwischenräume.

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