Die Landschaft zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht

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Die Landschaft zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht

Es gibt Menschen, die irgendwann feststellen, dass sie nicht mehr auf etwas warten, das konkret benannt werden könnte, und gleichzeitig auch nicht mehr dorthin zurückwollen oder zurückkönnen, wo ihr Leben früher einmal verankert war, und diese Erkenntnis zeigt sich oft nicht in dramatischen Momenten, sondern in den unscheinbaren Zwischenräumen des Alltags, etwa wenn sie an einem Samstagvormittag durch die Fußgängerzone gehen, an Schaufenstern vorbeikommen, die ihnen seit Jahren vertraut sind, oder wenn sie auf einer Familienfeier sitzen und plötzlich bemerken, dass sie zwar noch dieselben Gespräche führen wie früher, dieselben Gesichter sehen und dieselben Orte aufsuchen, sich innerlich jedoch wie Besucher im eigenen Leben fühlen.

Vielleicht gehört diese Erfahrung zu den eigentümlichsten Folgen schwerer Lebenskrisen, weil sie sich nur schwer in die Geschichten einfügen lässt, die wir gewöhnlich über Veränderung erzählen. Wir sprechen gerne über den Zeitpunkt, an dem etwas zerbricht, über die Diagnose, die Kündigung, die Trennung, den Verlust oder das Ereignis, das alles verändert hat, und wir interessieren uns ebenso für die Zeit danach, für die Frage, wie jemand weitergelebt, sich neu orientiert oder wieder Boden unter den Füßen gefunden hat. Sehr viel seltener sprechen wir jedoch über die oft jahrelange Phase dazwischen, jene schwer greifbare Zeit, in der das Alte bereits seine Selbstverständlichkeit verloren hat, während das Neue noch keine erkennbare Form angenommen hat.

Vielleicht deshalb, weil Übergänge grundsätzlich schwer auszuhalten sind. Menschen suchen Orientierung, und Orientierung entsteht meist dort, wo Dinge einen Namen haben, wo Zusammenhänge verstanden werden können und wo sich wenigstens ungefähr erkennen lässt, wohin ein Weg führt. Die Landschaft zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht verweigert jedoch genau diese Klarheit. Sie ist kein Ort, an dem man ankommt, sondern eher ein Zustand, in dem vertraute Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren haben, während neue Gewissheiten noch nicht entstanden sind.

Wer eine schwere Krise erlebt hat, verliert oft weit mehr als das, was von außen sichtbar wird. Natürlich kann ein Mensch einen Partner verlieren, einen Beruf, Gesundheit, finanzielle Sicherheit oder eine Lebensplanung, die über viele Jahre hinweg selbstverständlich erschien. Doch häufig verschwindet gleichzeitig etwas weniger Greifbares, nämlich das bisherige Verhältnis zur Welt und zu sich selbst. Die Annahmen darüber, was sicher ist, worauf Verlass ist, wer man selbst ist und wie das eigene Leben verlaufen wird, geraten ins Wanken, und manchmal geschieht dies so tiefgreifend, dass die eigentliche Herausforderung nicht mehr darin besteht, mit dem ursprünglichen Verlust umzugehen, sondern mit der Tatsache, dass die Person, die diesen Verlust erlebt hat, inzwischen eine andere geworden ist.

Gerade dieser Aspekt wird häufig unterschätzt, vielleicht weil unsere Kultur Veränderung bevorzugt als Rückkehr erzählt. Selbst dort, wo von Wachstum, Entwicklung oder Reifung die Rede ist, schwingt oft die Vorstellung mit, dass Menschen nach schwierigen Erfahrungen irgendwann wieder zu sich selbst finden müssten, als gäbe es irgendwo ein ursprüngliches, unverändertes Selbst, das lediglich unter den Belastungen des Lebens verschüttet worden sei und nun freigelegt werden müsse. Doch was geschieht, wenn diese Vorstellung nicht zutrifft? Was geschieht, wenn bestimmte Erfahrungen einen Menschen nicht vorübergehend verändern, sondern dauerhaft? Und was geschieht, wenn die eigentliche Aufgabe nicht darin besteht, zum früheren Selbst zurückzukehren, sondern herauszufinden, wer der Mensch geworden ist, der aus dieser Erfahrung hervorgegangen ist?

Vielleicht erklärt dies das eigentümliche Gefühl von Fremdheit, das viele Menschen nach tiefen Umbrüchen beschreiben. Sie erkennen ihr früheres Leben noch wieder. Sie erinnern sich an die Person, die sie einmal waren. Manchmal vermissen sie diese Person sogar. Und dennoch spüren sie, dass eine Rückkehr nicht möglich ist, selbst wenn alle äußeren Umstände plötzlich wiederhergestellt würden. Denn die Krise hat nicht nur Ereignisse hinterlassen, sondern Erfahrungen, Erkenntnisse, Verletzungen, Zweifel und Perspektiven, die sich nicht einfach rückgängig machen lassen.

Dabei entsteht leicht der Eindruck, festzustecken. Wer sich zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht befindet, kann das Gefühl entwickeln, weder vorwärtszukommen noch anzukommen. Die alten Ziele tragen nicht mehr. Die alten Träume wirken fremd. Gleichzeitig sind neue Orientierungen noch nicht ausreichend gewachsen, um Vertrauen zu erzeugen. Von außen mag dies wie Unsicherheit erscheinen, doch vielleicht handelt es sich um etwas anderes. Vielleicht ist es die Folge davon, dass ein Mensch versucht, ehrlich auf die Wirklichkeit seines Lebens zu reagieren, anstatt sich vorschnell eine neue Geschichte zu erzählen, nur um die Leerstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft möglichst schnell zu schließen.

Denn möglicherweise liegt eine besondere Schwierigkeit dieser Lebensphase darin, dass sie keine offensichtlichen Erfolge hervorbringt. Es gibt keinen klaren Fortschritt, der sichtbar gemacht werden könnte. Keine Urkunde, kein Zertifikat, keinen eindeutigen Meilenstein. Vieles von dem, was in dieser Zeit geschieht, vollzieht sich im Verborgenen. Ein Mensch lernt vielleicht, mit bestimmten Grenzen zu leben. Er verabschiedet sich von Vorstellungen, die lange Teil seines Selbstverständnisses waren. Er beginnt, die Welt anders zu betrachten. Vielleicht wird er vorsichtiger. Vielleicht unabhängiger. Vielleicht empfindsamer für das Leid anderer Menschen. Vielleicht auch skeptischer gegenüber einfachen Antworten. Doch all dies lässt sich nur schwer messen, und gerade deshalb wird es häufig übersehen.

Vielleicht ist die Landschaft zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht deshalb ein Ort, der in unserer Kultur so wenig Aufmerksamkeit erhält, weil er sich der Logik von Fortschritt und Ergebnis entzieht. Wer sich dort bewegt, kann oft nicht sagen, wohin die Reise führt. Er kann lediglich feststellen, dass bestimmte Wege nicht mehr gangbar sind und dass die Landkarten, die früher Orientierung boten, ihre Verlässlichkeit verloren haben. Das ist keine besonders tröstliche Erkenntnis. Sie verspricht weder Glück noch Erfolg. Sie garantiert nicht einmal, dass am Ende Klarheit entstehen wird.

Und dennoch scheint es Menschen zu geben, die nach Jahren auf diese Zeit zurückblicken und nicht nur den Schmerz erinnern, sondern auch die eigentümliche Erfahrung, gezwungen gewesen zu sein, ohne vorgefertigte Antworten weiterzugehen, Schritt für Schritt durch ein Gelände, dessen Konturen erst im Rückblick sichtbar wurden, und vielleicht besteht genau darin eine Form menschlicher Entwicklung, die sich nicht wie Entwicklung anfühlt, weil sie weniger aus dem Erreichen neuer Gewissheiten besteht als aus der langsamen Bereitschaft, mit weniger Gewissheiten zu leben, ohne deshalb jede Orientierung zu verlieren.

Ob diese Bereitschaft ein Gewinn ist oder lediglich eine Anpassung an das Unvermeidliche, lässt sich möglicherweise nicht allgemein beantworten. Vielleicht hängt die Antwort von der jeweiligen Geschichte ab. Vielleicht bleibt die Frage sogar offen. Aber möglicherweise ist gerade diese Offenheit ein wesentlicher Teil jener Landschaft, die sich zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht ausbreitet und die viele Menschen durchqueren, lange bevor sie überhaupt Worte dafür finden.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit den Landschaften, die entstehen, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Nach vielen Jahren in IT, Projektmanagement, technischer Kommunikation und einem Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie kartiert sie Brüche, Übergänge und Neuorientierungen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem besseren Verständnis der Landschaft.

Wo einfache Antworten enden, beginnen die Fragen

Gedanken über Krisen, Veränderung und das Leben dazwischen

Es gibt Erfahrungen, nach denen das Leben äußerlich weitergeht, während innerlich etwas grundlegend anders geworden ist.

Eine schwere Erkrankung. Der Verlust eines nahestehenden Menschen. Das Ende einer Beziehung. Eine traumatische Erfahrung. Das Scheitern eines Lebensentwurfs. Oder einfach die langsame Erkenntnis, dass man nicht mehr die Person ist, die man einmal war.

Über solche Erfahrungen wird häufig in zwei Sprachen gesprochen. Entweder als Katastrophe, die möglichst schnell überwunden werden soll, oder als Entwicklungsgeschichte, die am Ende zu Wachstum, Stärke oder neuer Lebensfreude führt.

Die Wirklichkeit vieler Menschen ist oft komplizierter.

Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden schließen sich nie vollständig. Und nicht jede Veränderung fühlt sich wie Entwicklung an, selbst wenn sie rückblickend eine Form von Entwicklung gewesen sein mag.

WahrhaftigNeugierig ist ein Ort für Gedanken über diese Zwischenräume.