Die Trägheit der alten Landkarte

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Manchmal zeigt sie sich in einer überraschend alltäglichen Situation.

Jemand fragt nach den Plänen für das nächste Jahr, und noch bevor man bewusst darüber nachgedacht hat, beginnt man eine Antwort zu formulieren, die zu dem Menschen passt, der man einmal war. Vielleicht spricht man über berufliche Ziele, die längst ihre Anziehungskraft verloren haben. Vielleicht erzählt man von Reisen, die man früher unbedingt machen wollte. Vielleicht beschreibt man Interessen, Überzeugungen oder Zukunftsbilder, die sich noch vertraut anhören, obwohl sie sich innerlich bereits fremd anfühlen.

Erst während des Sprechens entsteht ein eigentümliches Gefühl der Irritation, als würde man die Beschreibung eines Menschen hören, der zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem selbst besitzt, aber dennoch nicht mehr ganz mit der Person übereinstimmt, die heute auf diesem Stuhl sitzt.

Vielleicht liegt darin eine der weniger beachteten Folgen schwerer Krisen, großer Verluste und tiefgreifender Umbrüche: Nicht nur das Leben verändert sich, sondern auch die innere Landkarte, mit deren Hilfe wir uns in diesem Leben orientieren. Und doch geschieht diese Veränderung häufig schneller als die Anpassung jener Vorstellungen, Gewohnheiten und Selbstbilder, die über viele Jahre hinweg Orientierung gegeben haben.

Landkarten sind merkwürdige Dinge. Sie beschreiben nicht die Landschaft selbst, sondern eine vereinfachte Darstellung von ihr. Solange sich die Landschaft nur langsam verändert, fällt dieser Unterschied kaum auf. Straßen verlaufen dort, wo sie eingezeichnet sind. Flüsse folgen ihren bekannten Betten. Dörfer liegen an den Orten, an denen man sie erwartet.

Wenn jedoch ein Erdbeben die Landschaft verändert, wenn Brücken einstürzen, Flussläufe sich verschieben oder ganze Regionen unzugänglich werden, dann kann die Landkarte noch lange existieren, obwohl sie ihre Zuverlässigkeit verloren hat.

Etwas Ähnliches scheint mit menschlichen Identitäten zu geschehen.

Viele Menschen, die einen schweren Verlust erlebt haben, berichten davon, dass sie lange Zeit versuchten, ihr Leben anhand von Annahmen zu organisieren, die vor dem Bruch entstanden waren. Sie treffen Entscheidungen auf Grundlage von Bedürfnissen, die nicht mehr dieselben sind. Sie verfolgen Ziele, die sie einst begeistert haben. Sie beurteilen sich selbst anhand von Maßstäben, die zu einer früheren Version ihrer Person gehören.

Von außen betrachtet kann das widersprüchlich wirken. Warum hält jemand an Vorstellungen fest, die offensichtlich nicht mehr passen? Warum klammert sich ein Mensch an Bilder von sich selbst, die längst brüchig geworden sind?

Vielleicht weil Identität nicht einfach aus Überzeugungen besteht, die sich nach Belieben austauschen lassen.

Wer über Jahrzehnte hinweg davon überzeugt war, ein bestimmter Mensch zu sein, hat diese Überzeugung nicht nur gedacht. Er hat sie gelebt. Sie steckt in Routinen, Erwartungen, Beziehungen und Gewohnheiten. Sie prägt die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Sie beeinflusst, welche Möglichkeiten überhaupt wahrgenommen werden. Sie bestimmt, was als Erfolg gilt, was als Scheitern empfunden wird und welche Zukunft als erstrebenswert erscheint.

Wenn eine Krise diese Ordnung erschüttert, verschwinden die alten Muster deshalb nicht automatisch. Häufig bleiben sie bestehen, selbst dann, wenn die Wirklichkeit längst eine andere geworden ist.

Man könnte sagen, dass Krisen manchmal schneller sind als die Vorstellungskraft.

Das Leben verändert sich in wenigen Stunden. Eine Diagnose wird ausgesprochen. Eine Beziehung endet. Ein Unfall geschieht. Ein Mensch stirbt. Eine Gewissheit bricht weg.

Doch die innere Anpassung folgt oft einer anderen Zeitrechnung.

Noch Monate oder Jahre später kann jemand versuchen, in Gedanken an Orte zurückzukehren, die nicht mehr existieren. Nicht unbedingt aus Verdrängung oder mangelnder Einsicht, sondern weil die Seele offenbar eine gewisse Trägheit besitzt. Sie bewegt sich langsamer als die Ereignisse. Sie hält an bekannten Orientierungspunkten fest, selbst wenn diese bereits ihre Bedeutung verloren haben.

Dabei entsteht eine besondere Form des Leidens, über die vergleichsweise selten gesprochen wird.

Der Schmerz besteht dann nicht allein im ursprünglichen Verlust. Er entsteht zusätzlich aus der ständigen Reibung zwischen einer veränderten Wirklichkeit und einer inneren Landkarte, die noch immer auf eine frühere Welt verweist.

Vielleicht kennt man diese Momente.

Man plant etwas und merkt plötzlich, dass man die betreffende Person gedanklich noch immer mit eingeplant hat, obwohl sie längst nicht mehr da ist.

Man trifft eine Entscheidung und bemerkt erst später, dass man dabei Erwartungen verfolgt hat, die aus einem früheren Lebensabschnitt stammen.

Man bewertet sich selbst nach Kriterien, die einst sinnvoll waren, die aber zu den gegenwärtigen Bedingungen kaum noch passen.

In solchen Augenblicken wird sichtbar, wie lange Identitäten nachwirken können.

Gleichzeitig wäre es möglicherweise zu einfach, diese Trägheit ausschließlich als Problem zu betrachten.

Denn dieselbe Beharrlichkeit, die Veränderungen erschwert, kann auch eine wichtige Funktion besitzen. Würden Menschen jede Erschütterung sofort und vollständig in ihr Selbstbild integrieren, wäre vielleicht kaum Kontinuität möglich. Die langsame Bewegung der Identität schützt vor einer vollständigen Auflösung der bisherigen Ordnung. Sie erlaubt es, Erfahrungen schrittweise einzuarbeiten, anstatt von ihnen überwältigt zu werden.

Vielleicht ähnelt dieser Prozess eher einer geologischen Verschiebung als einer plötzlichen Neugeburt. Alte Schichten verschwinden nicht einfach. Neue Schichten lagern sich darüber. Manche Brüche bleiben sichtbar. Manche Verwerfungen prägen die Landschaft dauerhaft.

In diesem Zusammenhang erscheint eine Frage besonders interessant.

Wann genau wird eine alte Landkarte eigentlich falsch?

Ist sie falsch, sobald sich die Wirklichkeit verändert hat? Oder bleibt sie in gewisser Weise wahr, weil sie die Welt beschreibt, in der ein Mensch über viele Jahre gelebt hat?

Wer nach einer schweren Krise auf sein früheres Selbst blickt, entdeckt oft keine bloße Illusion. Viele der damaligen Vorstellungen waren unter den damaligen Bedingungen sinnvoll. Viele Ziele waren echt. Viele Hoffnungen waren berechtigt. Die Karte war nicht fehlerhaft. Die Landschaft hat sich verändert.

Vielleicht erklärt das, weshalb manche Menschen ihre alten Selbstbilder nicht einfach loslassen können.

Sie trauern nicht nur um das, was verloren gegangen ist. Sie trauern auch um eine Ordnung, die einmal funktioniert hat. Um eine Welt, in der die vertrauten Wege tatsächlich zu den erwarteten Zielen führten. Um eine Version ihrer selbst, die in jener Landschaft sinnvoll orientiert war.

Und vielleicht liegt gerade darin eine der schwierigeren Aufgaben nach tiefen Umbrüchen: nicht zwangsläufig darin, eine neue Identität zu erschaffen, sondern zunächst zu erkennen, dass die alte Karte und die gegenwärtige Landschaft nicht mehr deckungsgleich sind.

Was danach geschieht, ist vermutlich von Mensch zu Mensch verschieden.

Manche zeichnen ihre Karte langsam neu. Manche behalten Teile der alten Orientierung bei. Manche bewegen sich über lange Zeit mit widersprüchlichen Entwürfen durch die Welt. Und manche stellen irgendwann fest, dass sie sich in Gegenden zurechtfinden, die auf keiner ihrer früheren Karten verzeichnet waren.

Vielleicht ist dies einer der merkwürdigsten Aspekte menschlicher Entwicklung: dass wir oft noch lange mit Begriffen, Bildern und Erwartungen unterwegs sind, die aus einer vergangenen Welt stammen, während wir bereits in einer anderen leben – und dass wir manchmal erst rückblickend erkennen, wie weit wir uns von jenen Orten entfernt haben, die wir einst für den Mittelpunkt unseres Lebens hielten.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit den Landschaften, die entstehen, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Nach vielen Jahren in IT, Projektmanagement, technischer Kommunikation und einem Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie kartiert sie Brüche, Übergänge und Neuorientierungen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem besseren Verständnis der Landschaft.

Wo einfache Antworten enden, beginnen die Fragen

Gedanken über Krisen, Veränderung und das Leben dazwischen

Es gibt Erfahrungen, nach denen das Leben äußerlich weitergeht, während innerlich etwas grundlegend anders geworden ist.

Eine schwere Erkrankung. Der Verlust eines nahestehenden Menschen. Das Ende einer Beziehung. Eine traumatische Erfahrung. Das Scheitern eines Lebensentwurfs. Oder einfach die langsame Erkenntnis, dass man nicht mehr die Person ist, die man einmal war.

Über solche Erfahrungen wird häufig in zwei Sprachen gesprochen. Entweder als Katastrophe, die möglichst schnell überwunden werden soll, oder als Entwicklungsgeschichte, die am Ende zu Wachstum, Stärke oder neuer Lebensfreude führt.

Die Wirklichkeit vieler Menschen ist oft komplizierter.

Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden schließen sich nie vollständig. Und nicht jede Veränderung fühlt sich wie Entwicklung an, selbst wenn sie rückblickend eine Form von Entwicklung gewesen sein mag.

WahrhaftigNeugierig ist ein Ort für Gedanken über diese Zwischenräume.

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