Hat die Sinnlosigkeit einen Sinn?

Blog

Vor einigen Jahren erzählte mir jemand von einer Erfahrung, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkte. Nach einer schweren Lebenskrise hatte sie versucht, in ihr altes Leben zurückzukehren. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Sie ging wieder an ihren Arbeitsplatz, traf dieselben Menschen, saß in denselben Besprechungen und erledigte dieselben Aufgaben wie zuvor. Von außen betrachtet schien vieles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen.

Doch etwas hatte sich verschoben.

Nicht dramatisch. Nicht auf eine Weise, die sich leicht benennen ließ. Vielmehr bemerkte sie eine eigentümliche Form von Fremdheit. Tätigkeiten, die ihr früher selbstverständlich erschienen waren, wirkten nun seltsam leer. Gespräche, die sie einst interessiert hatten, ließen sie zunehmend unbeteiligt zurück. Ziele, auf die sie lange hingearbeitet hatte, besaßen plötzlich eine Schwerkraft von erstaunlicher Geringfügigkeit.

Sie sagte nicht, dass sie depressiv gewesen sei. Sie sagte auch nicht, dass alles sinnlos geworden sei.

Was sie beschäftigte, war etwas Schwierigeres.

Sie hatte das Gefühl, dass bestimmte Dinge ihren Sinn verloren hatten, während andere Bedeutungen noch nicht sichtbar geworden waren.

Vielleicht kennen viele Menschen eine ähnliche Erfahrung. Nach einem schweren Verlust, nach einer Erkrankung, nach einer Trennung, nach einer traumatischen Erfahrung oder einem tiefen persönlichen Umbruch verändert sich nicht nur das eigene Leben. Oft verändert sich auch die Art und Weise, wie man die Welt betrachtet. Und mit dieser Veränderung kann etwas geschehen, worüber erstaunlich wenig gesprochen wird.

Man entdeckt, dass Sinn nicht so stabil ist, wie man lange angenommen hat.

Solange das Leben in halbwegs vertrauten Bahnen verläuft, entsteht leicht der Eindruck, dass bestimmte Dinge selbstverständlich bedeutsam sind. Arbeit, Beziehungen, Zukunftspläne, Gewohnheiten und persönliche Ziele bilden ein Geflecht, das Orientierung bietet. Man muss nicht jeden Tag neu entscheiden, warum man etwas tut. Der Sinn liegt gewissermaßen bereits in den Strukturen des Alltags eingebettet.

Erst wenn diese Strukturen erschüttert werden, wird sichtbar, wie sehr sie die eigene Wirklichkeit getragen haben.

Dann kann es geschehen, dass man morgens aufwacht und feststellt, dass die Antworten, die früher funktioniert haben, ihre Überzeugungskraft verloren haben. Die alten Erklärungen sind noch vorhanden. Man kennt sie weiterhin. Man kann sie sogar aussprechen. Aber sie erreichen einen nicht mehr auf dieselbe Weise.

Viele Menschen reagieren auf diesen Zustand zunächst mit dem Versuch, den verlorenen Sinn möglichst schnell wiederherzustellen. Das ist nachvollziehbar. Orientierungslosigkeit ist anstrengend. Sinnlosigkeit kann beunruhigend sein. Wer lange im Nebel unterwegs ist, beginnt verständlicherweise nach festen Konturen zu suchen.

Doch vielleicht entsteht hier eine Schwierigkeit. Denn was geschieht, wenn die empfundene Sinnlosigkeit nicht bloß ein Problem ist, das beseitigt werden muss, sondern eine Information? Was, wenn sie etwas mitteilt?

Nicht im mystischen Sinn. Nicht als geheime Botschaft des Universums. Sondern als Ausdruck einer inneren Wirklichkeit. Vielleicht zeigt die Erfahrung von Sinnlosigkeit manchmal an, dass ein Mensch nicht mehr derselbe ist wie früher und dass deshalb auch die alten Sinnquellen ihre Tragfähigkeit verloren haben.

Das bedeutet nicht, dass die früheren Lebensentscheidungen falsch gewesen wären. Es bedeutet auch nicht, dass die vergangenen Jahre verschwendet wurden. Es könnte lediglich bedeuten, dass etwas, das einmal gepasst hat, inzwischen nicht mehr passt.

Diese Möglichkeit wird häufig unterschätzt. Wir sprechen viel darüber, wie Menschen Krisen bewältigen können. Wir sprechen deutlich weniger darüber, dass Krisen Menschen verändern können. Und wenn Menschen sich verändern, verändert sich oft auch ihr Verhältnis zu Bedeutung, zu Zielen, zu Prioritäten und zu den Geschichten, die sie über ihr eigenes Leben erzählen. Vielleicht liegt darin ein Teil des Schmerzes?

Denn die Erfahrung von Sinnlosigkeit betrifft selten nur einzelne Tätigkeiten. Oft erschüttert sie das Bild, das man von sich selbst hatte.

Wenn eine Frau jahrelang davon überzeugt war, eine bestimmte berufliche Laufbahn sei ihr Weg, und plötzlich spürt sie keine Verbindung mehr dazu, dann verliert sie nicht nur Motivation. Sie verliert möglicherweise auch einen Teil ihrer bisherigen Identität.

Wenn jemand lange geglaubt hat, dass Erfolg, Leistung oder Anerkennung zentrale Orientierungspunkte ihres Lebens sind, und diese Orientierung nach einer Krise brüchig wird, dann entsteht nicht nur Leere. Es entsteht die schwierige Frage, wer man eigentlich geworden ist.

Vielleicht erklärt das, warum manche Menschen so lange an Dingen festhalten, die ihnen längst keinen Sinn mehr geben. Nicht unbedingt aus Sturheit. Sondern weil das Loslassen alter Sinnzusammenhänge oft bedeutet, vertraute Selbstbilder loszulassen.

Und dennoch scheint es Situationen zu geben, in denen das Festhalten mehr Kraft kostet als das Suchen.

Wer sich dauerhaft dazu zwingt, etwas bedeutsam zu finden, das innerlich längst leer geworden ist, gerät häufig in einen merkwürdigen Konflikt. Nach außen bleibt alles erhalten. Die Routinen funktionieren. Die Rollen werden erfüllt. Doch innerlich wächst eine Erschöpfung, die weniger aus der Tätigkeit selbst entsteht als aus dem Versuch, eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die nicht mehr existiert.

Vielleicht kennen viele Menschen dieses Gefühl aus kleinen Alltagssituationen. Man sitzt in einem Gespräch und merkt, dass man nur noch aus Gewohnheit zustimmt. Man verfolgt ein Ziel und spürt, dass der frühere Ehrgeiz verschwunden ist. Man versucht, Begeisterung zu empfinden, und stellt fest, dass man lediglich die Erinnerung an frühere Begeisterung reproduziert. Solche Momente können irritierend sein. Sie lassen sich leicht als persönliches Versagen interpretieren. Vielleicht sind sie manchmal aber etwas anderes. Vielleicht markieren sie Stellen, an denen das Leben begonnen hat, Fragen zu stellen, auf die die alten Antworten nicht mehr ausreichen.

Das bedeutet keineswegs, dass jeder Verlust von Sinn automatisch ein Hinweis auf einen besseren Weg wäre. Nicht jede Orientierungslosigkeit enthält bereits die nächste Orientierung. Nicht jede Krise führt zu neuen Einsichten. Manchmal bleibt die Suche lange ergebnislos. Manchmal dauert es Jahre, bis neue Zusammenhänge sichtbar werden. Manchmal bleiben bestimmte Fragen offen.

Gerade deshalb erscheint die Vorstellung problematisch, Sinn müsse möglichst schnell wiedergefunden werden. Vielleicht gehört zu manchen Lebensphasen vielmehr die Fähigkeit, eine Zeit lang ohne überzeugende Antworten zu leben. Nicht weil Unsicherheit angenehm wäre. Sondern weil manche Entwicklungen offenbar langsamer verlaufen als unser Wunsch nach Klarheit.

Vielleicht ähnelt die Situation eher einer Wanderung durch unbekanntes Gelände als einem Rätsel, das sich durch ausreichend Anstrengung lösen lässt. Wer eine falsche Karte besitzt, kommt nicht weiter, indem er dieselbe Strecke immer entschlossener geht. Irgendwann muss er akzeptieren, dass die Karte nicht mehr zur Landschaft passt.

Die Landschaft selbst verändert sich dadurch nicht sofort. Aber die Suche beginnt auf einer ehrlicheren Grundlage.

Vielleicht liegt darin eine ungewöhnliche Form von Sinn: nicht in der Überwindung der Sinnlosigkeit, sondern zunächst in ihrer Anerkennung. Nicht als endgültiger Zustand. Nicht als Lebensphilosophie. Nicht als Resignation.Sondern als die nüchterne Einsicht, dass manche Formen von Bedeutung verschwinden, bevor neue entstehen. Und vielleicht gehört zu den schwierigsten Erfahrungen des Menschseins die Tatsache, dass wir diesen Übergang nicht vollständig kontrollieren können.

Wir können aufmerksam bleiben. Wir können beobachten, was uns noch berührt und was nicht mehr. Wir können versuchen, den Unterschied wahrzunehmen zwischen dem, was wir tun, weil wir glauben, es tun zu müssen, und dem, was trotz aller Unsicherheit noch eine leise Form von Stimmigkeit besitzt.

Aber wohin diese Beobachtungen führen, lässt sich oft erst im Rückblick erkennen.

Währenddessen bleibt man möglicherweise eine Zeit lang zwischen dem alten und dem neuen Leben stehen, begleitet von der unbequemen Erfahrung, dass vieles seinen Sinn verloren hat und anderes seinen Sinn noch nicht offenbart. Vielleicht ist genau das einer der eigenartigsten Räume menschlicher Entwicklung: jener Zwischenraum, in dem man nicht mehr dort ist, wo man einmal war, und noch nicht weiß, wohin man sich bewegt. Ein Raum, der selten angenehm ist, der sich kaum planen lässt und der dennoch immer wieder Teil menschlicher Lebensgeschichten zu sein scheint.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit den Landschaften, die entstehen, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden. Nach vielen Jahren in IT, Projektmanagement, technischer Kommunikation und einem Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie kartiert sie Brüche, Übergänge und Neuorientierungen – nicht auf der Suche nach Antworten, sondern nach einem besseren Verständnis der Landschaft.

Wo einfache Antworten enden, beginnen die Fragen

Gedanken über Krisen, Veränderung und das Leben dazwischen

Es gibt Erfahrungen, nach denen das Leben äußerlich weitergeht, während innerlich etwas grundlegend anders geworden ist.

Eine schwere Erkrankung. Der Verlust eines nahestehenden Menschen. Das Ende einer Beziehung. Eine traumatische Erfahrung. Das Scheitern eines Lebensentwurfs. Oder einfach die langsame Erkenntnis, dass man nicht mehr die Person ist, die man einmal war.

Über solche Erfahrungen wird häufig in zwei Sprachen gesprochen. Entweder als Katastrophe, die möglichst schnell überwunden werden soll, oder als Entwicklungsgeschichte, die am Ende zu Wachstum, Stärke oder neuer Lebensfreude führt.

Die Wirklichkeit vieler Menschen ist oft komplizierter.

Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Fragen bleiben offen. Manche Wunden schließen sich nie vollständig. Und nicht jede Veränderung fühlt sich wie Entwicklung an, selbst wenn sie rückblickend eine Form von Entwicklung gewesen sein mag.

WahrhaftigNeugierig ist ein Ort für Gedanken über diese Zwischenräume.

Newsletter

Nicht regelmäßig, keine Werbung - nur Hinweise auf neue Artikel